Geschichte


100. Jahrestag der Schließung des Kriegsgefangenenlagers in Amherst

1. Geschichte in einer Serie von 5 – geschrieben von Marjorie MacLean

Amherst erinnert an den Jahrestag des Kriegsgefangenenlagers Amherst, an diejenigen, die dort interniert wurden und an diejenigen, die dort starben.  Die Gedenkfeier findet am 2. Juli im Col James Ralston Zeughaus und Museum statt.   Das Organisationskommitee wird in den nächsten Wochen eine Reihe von Beiträgen über das Lager, seine Geschichte und das Geschehen dort veröffentlichen.   Wir hoffen, Geschichten zu sammeln und zu erzählen, die an die Nachkommen derer weitergegeben wurden, die dort gearbeitet haben.  Außerdem werden wir Ihnen von Dinge berichten, die geschrieben und/oder dokumentiert wurden.  Dies ist die Nummer eins in einer Serie von fünf Geschichten.

Amherst wurde auf eine unerwartete Weise zu einem interessanten Teil der alliierten Kriegsanstrengungen.  Dies lag daran, dass in Amherst ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet wurde, das während des Ersten Weltkriegs zu einem der größten Camps in Kanada wurde.  Das bereits existierende Lager in Halifax war bis 1915 so überfüllt, so dass hier ein neues Lager eingerichtet wurde, welches erst errichtet werden musste.  Amherst lag günstig an der Bahnlinie und hatte den nötigen Platz, eine leerstehende Fabrik. Also voila! Die ersten Gefangenen des Lagers kamen aus Halifax auf einer langen Reise und durch einen langen Prozess an.  Ihr Schiff, die SS Kaiser Wilhelm der Grosse, wurde von den Engländern vor der spanischen Küste versenkt.  Sie hatten nicht genug Platz an Bord, um sie nach Großbritannien zurückzubringen.  Die nächste englische Basis war in Jamaika, also brachte man die Gefangenen vorerst dorthin.  Es entwickelte sich aber die Befürchtung, dass diese Männer, wenn einer von ihnen entkommen sollte, andere Schiffe beschädigen könnten, da sie berufsbedingt wussten, wo man ein Schiff für einen maximalen Schaden treffen mussten. Da die Engländer so naiv waren zu glauben, dass es in Kanada nicht allzu viel Schiffsverkehr geben würde, brachten sie ihre Gefangenen nach Halifax.  Das Lager in der Zitadelle war nicht groß genug, um alle aufnehmen zu können, so dass die niedrigeren Dienstgrade mit einem bewaffneten Zug nach Amherst geschickt wurden.  Die Offiziere wurden weiterhin in der Zitadelle festgehalten.  Später, im Oktober 1916, schloss das Lager und die Offiziere wurden ebenfalls nach Amherst verbracht.   Die Gruppe der deutschen Kriegsgefangenen bildete damit die Mehrheit der Gefangenen im Lager, da sie über 500 Personen zählte.

Im Gegensatz zum Rest Kanadas, wo die Internierten meist osteuropäischer Herkunft waren, waren die Internierten in Nova Scotia hauptsächlich deutsche Reservisten. Gegen Ende des Krieges zählte das Lager Amherst 854 Internierte.  Die alte Gießerei an der Ecke Hickman- und Parkstraße wurde zur Heimat des Lagers.  Dieser Standort wurde wahrscheinlich gewählt, da für die große Anzahl der Gefangenen viel Platz benötigt wurde.  Die Fabrik hatte mehrere große Gebäude und lag in der Nähe der Bahnlinie.  Heute beherbergt der Standort die Casey-Beton Fabrik.  Vor einigen Jahren installierte eine Gruppe von Ukrainern eine Gedenktafel an diesem Standort.  Die Ukrainer waren die nächstgrößere Gruppe von Menschen, die im Lager interniert worden war.  Weiterhin waren hier Personen interniert, die Einwanderer mit deutschem, ukrainischem, kroatischem oder russischem Hintergrund waren.  Diese Menschen wurden zusammengetrieben, weil man das Gefühl hatte, dass sie vielleicht mit ihrem Herkunftsland zum Zeitpunkt des Krieges sympathisieren würden.  Tatsächlich haben aber auch einige von ihnen Verbindungen in die Heimat gehabt.  Mehr dazu in den nächsten Geschichten.

Als die ersten Gefangenen eintrafen, war das Lager nicht gut vorbereitet und schmutzig, staubig und kalt. Schließlich handelte es sich um eine Fabrik, die nicht mehr genutzt wurde, und deren Gebäude so belassen wurden, wie sie waren. Die Küche und die Waschräume reichten für die Anzahl der internierten Männer, nicht aus.  Im Laufe der Zeit brachten dann aber Meldungen von Lagerbediensteten an ihre Vorgesetzten Erfolg und es begann ein Prozess, der die Dinge für die Gefangenen verbesserte.  Letztendlich wurde das Lager vom US-Militär der Botschaft in Halifax inspiziert, um sicherzustellen, dass die Gefangenen ordnungsgemäß behandelt wurden, ihre Bedingungen menschenwürdig waren und sie die gleichen Rationen wie das kanadische Militär erhielten.  Zu diesem Zeitpunkt waren die USA noch neutral und wurden als Schlichtungsstelle in solchen Angelegenheiten ausgewählt.  Wie auf den Bildern zu sehen sein wird, bot das Lager den Männern viele Möglichkeiten, sich zu beschäftigen und sich oft auch zu amüsieren.  In meiner nächsten Geschichte werde ich berichten, was die Männer tagein und tagaus in der Zeit, in der sie in diesem Lager waren getan haben – verpassen Sie also die nächste Ausgabe nicht.


Das Leben der Kriegsgefangenen in Amherst – Was ist geblieben

2. Geschichte in einer Serie von 5 – geschrieben von Marjorie MacLean

Einige der Gefangenen im Speisesaal des Lagers
Ausstellungsstücke im Cumberland County Museum

Ein Kriegsgefangenenlager musste in aller Schnelle errichtet werden, da das Lager in der Zitadelle von Halifax nicht alle Häftlinge aufnehmen konnte, die von der SS Kaiser Wilhlem der Grosse kamen. In Amherst wurde eine Gruppe von Gebäuden gefunden, die den größten Raum bieten sollten.  Das Gebäude in Amherst, in dem Gefangene untergebracht waren, war eine viertel Meile lang und hundert Fuß breit.  Das südliche Ende bestand aus Offiziersunterkünften, Lagerkrankenhaus und medizinischem Behandlungszimmer.  Das nördliche Ende beherbergte die Baracke der Soldaten, Waschraum, Kantine und Aufenthaltsraum.  Damit blieb der Mittelteil für die Gefangenen selbst. Das gesamte Gelände war von Stacheldrahtverhauen umgeben.    

Die Wachen (zu Spitzenzeiten 265 an der Zahl) sowie die Häftlinge mussten sich den Platz im Lager teilen, so dass es eine große Anzahl an Männern gab, die innerhalb des Lagers interagieren konnten. Man kann sich vorstellen, wie der Ort zunächst aussah, da es sich um eine ehemalige Eisengießerei handelte.  Die Lebensbedingungen bei der Ankunft der Gefangenen waren sehr schlecht.  Es wird erzählt, dass Staubwolken von den Dachsparren herunterfielen, was für einige zu Atembeschwerden führte.  Die Schlafstätten bestanden aus dreigeschossigen Hochbetten auf engstem Raum.  Die Latrinen waren für diese große Anzahl an Männern nicht ausreichend. Selbst die Küche, die für die Gefangenen eingerichtet worden war, war nicht ausreichend. Größtenteils waren die Bedingungen im Lager jedoch anscheinend besser als bei den alliierten Kriegsgefangenen in Europa. Amherst-Häftlinge erhielten die gleichen Lebensmittelrationen wie ein kanadischer Soldat im aktiven Dienst.

Beschwerden von Kriegsgefangenen die Bedingungen im Lager wurden gehört!… Im Laufe der Zeit verbesserten sich die Bedingungen drastisch. Dies wird in einem Bericht des American Counsel vom 2. Oktober 1916 festgehalten, der sich im Cumberland County Museum befindet. Der amerikanische Anwalt führte oft Inspektionen in Kriegsgefangenenlagern durch, da die USA erst 1917 in den Krieg eintraten. Der Bericht beschreibt das Amherster Camp als sehr verbessert mit 18 Räumen, einem Erholungsgebäude und einem großen Außenbereich mit Tennisplatz.  Außerdem gab es eine kürzlich errichtete Baracke für Wachen.  Der Anwalt gab an, dass es keine Beschwerden seitens der Gefangenen gebe.

Wenn Sie sich die Bilder im Cumberland County Museum und im Armoury Military Museum ansehen, werden Sie feststellen, dass es viele Aktivitäten für die Gefangenen gab, damit diese aktiv bleiben konnten.

Häftlinge haben sich oft freiwillig gemeldet, um während ihres Aufenthalts in Amherst zur Arbeit ausserhalb des Lagers eingesetzt zu werden. Im Sommer 1916 wurde ihre Arbeitskraft auf der Nappan Experimentierfarm eingesetzt, um Wälder zu Ackerland zu verwandeln. Andere Gruppen arbeiteten an der Instandhaltung der Canadian National Railways, manchmal auch in New Brunswick und kehrten dann nach Amherst zurück.  Eine bleibende Erinnerung an ihre Arbeit ist die Tatsache, dass sie bei der Erschaffung des Dickie Parks mitgewirkt haben.  Die Steinhaufen am Eingang der Townsend Avenue zum Dickie Park wurden von ihnen gebaut, ebenso wie ein Freibad, das von den Kriegsgefangenen ausgehoben wurde. 

Man gab Ihnen aber auch die notwendigen Materialien um zu musizieren, Theater zu spielen und einem Handwerk nachzugehen. Viele begannen mit Holzschnitzereien, die im Laden des Lagers verkauft wurden.  Diese Hinterlassenschaften, kombiniert mit den verschiedenen Artefakten, die heute noch unter uns sind, erinnern an diese einzigartige und schwierige Zeit.

Sollte jemand noch mehr von diesen schönen holzgeschnitzten Gegenständen besitzen und sie bei der Gedenkfeier ausstellen lassen wollen, wenden Sie sich bitte an Marjorie unter 902-667-3579. Wir suchen nach so vielen dieser Artefakte wie möglich, die am 2. Juli ausgestellt werden können.


Schöne Musik auf einem Stück Geschichte machen

Ray Coulson (rechts), Kurator des North Nova Scotia Highlanders Regimental Museum, schaut auf ein 100 Jahre altes Cello, das Charles Long vom Atelier VioLong aus Dieppe, N.B., restauriert hat. Das Cello, das von einem Gefangenen im Internierungslager Amherst während des Ersten Weltkriegs gebaut wurde, wird von einem Mitglied des deutschen Luftwaffenmusikkorps während einer Zeremonie in Amherst am 2. Juli zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Schließung des Lagers gespielt. – Darrell Cole

100 Jahre altes Cello wird zum Gedenken an das Internierungslager Amherst aus dem Ersten Weltkrieg gespielt

AMHERST, N.S. –

Vor etwas mehr als hundert Jahren begann ein deutscher Matrose im Internierungslager Amherst, trotz knapper Vorräte und rudimentärer Werkzeuge, mit dem Bau eines Cellos.

Er wusste damals nicht, mit welcher Sorgfalt dieses Musikinstrument wieder zum Leben erweckt werden würde, damit es noch einmal gespielt werden kann.

“Es ist ein einzigartiges Instrument, welches seinen eigenen, unverwechselbaren Klang haben wird – fast so, als würde es seine Geschichte erzählen, wenn es gespielt wird. Es wird sprechen”, sagt Charles Long vom Atelier VioLong in Dieppe, N.B. “Dieses Cello wurde von jemandem gebaut, der nicht die richtige Ausbildung oder das richtige Werkzeug dafür hatte, es ist wie ein Stück Volkskunst. Der Erbauer hat es aus seinem Kopf heraus gemacht. Es ist ganz anders im Holz, im Modell und in der Art und Weise, wie es zusammengesetzt wurde. Alles wurde von Hand gemacht, mit vielen Nägel, etwas Holz und Stahl.”

Das Cello wird am 2. Juli bei einer besonderen Zeremonie anlässlich des 100. Jahrestages der Schließung des Internierungslagers aus dem Ersten Weltkrieg in Amherst, in dem von April 1915 bis September 1919 mehr als 850 Häftlinge lebten, eine wichtige Rolle spielen.

Das Lager, das sich in einer alten Gießerei an der Ecke Park- und Hickman Street befindet, war das größte seiner Art in Kanada. Zu den Internierten gehörte Leo Trotzki, der einen Monat im Lager verbrachte, bevor er nach Russland zurückkehrte, wo er eine Rolle beim Aufstieg der ersten kommunistischen Regierung unter Wladimir Lenin spielte.

Nach einer Gedenkzeremonie auf dem Friedhof von Amherst, wo 13 im Lager verstorbene Häftlinge begraben lagen, bevor sie 1970 nach Kitchener, Ont., umgebettet wurden, werden Mitglieder des deutschen Luftwaffenmusikkorps aus Erfurt, die in Halifax beim Royal Nova Scotia International Tattoo auftreten, ein Konzert in der Col. James Layton Ralston Armoury geben.

Während dieses Konzertes wird jemand aus der Band mindestens ein Stück auf dem von Long restaurierten Cello spielen.

Long gab an, dass es etwa drei Wochen dauern würde, um das Cello wieder in einen bespielbaren Zustand zu versetzen. Angesichts des Alters wies er aber auch darauf hin, dass es nur einmal gespielt werden kann, da es sehr zerbrechlich ist, nachdem es Jahrzehnte auf einem Dachboden verbracht hatte und nun letztendlich im Nova Scotia Highlanders Regimental Museum in Amherst ausgestellt wurde.

“Es brauchte viel Kleber. Das Problem war nur, egal wie ich es klebte, es änderte jedes Mal die Druckstellen und begann zu brechen. Ich musste also während der gesamten Arbeit sehr vorsichtig sein”, sagte Long. “Es war ein langer Prozess, aber er ist spielbar… einmal, vielleicht höchstens zweimal.”

Long sagte weiterhin, dass es nicht ungewöhnlich wäre, eine Geige oder ein Cello, welches 100 oder 200 Jahre alt ist, zu restaurieren, weil sie für eine lange Lebensdauer gemacht sind. Dieses Cello ist anders, weil es im Wesentlichen ein Stück Volkskunst ist, das aus den Gegenständen hergestellt wurde, die dem Handwerker zur Verfügung standen – etwas, das in einem Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs, in dem nicht nur Werkzeuge zum Herstellen des Cellos schwer zu finden waren, sondern auch das Zubehör, mit dem man es herstellen konnte, sehr schwierig gewesen wäre.

“Wenn man bedenkt, was er benutzen musste und unter welchen Bedingungen er gearbeitet hat, ist es unglaublich, dass er so etwas herstellen konnte”, sagte Long, der Musikinstrumente aus ganz Nordamerika über mehr als drei Jahrzehnte hinweg restauriert und repariert hat.

Ray Coulson, Kurator des Museums, gab zu, dass er begeistert war, das Cello wieder Musik machen zu hören.

“Es ist großartig, dass wir es in den Zustand bringen können, in dem es wieder gespielt werden kann”, sagte Coulson. “Ich kann kaum erwarten, es zu hören, und dann werden wir es wieder in die Ausstellung bringen.”

Coulson sagte, dass das Cello bereits seit einigen Jahre in der Sammlung des Museums gewesen ist, nachdem es von dem renommierten New Brunswick Fiddler Ivan Hicks gespendet wurde.

Bill Casey, der Abgeordnete für Cumberland-Colchester der die Idee hatte, eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Schließung des Lagers durchzuführen, ist erstaunt, wie die Dinge zusammengekommen sind.

“Ich kann immer noch nicht glauben, dass etwas, das unter diesen Bedingungen gebaut wurde, wiederhergestellt werden konnte, um wieder darauf zu spielen”, sagte Casey. “Es wird das erste Mal seit mehr als hundert Jahren sein, dass ein deutscher Musiker es bespielt. Das ist sehr symbolisch.”

Ivan Hicks ist begeistert, dass er und seine Frau Vivian, die das Cello dem North Nova Scotia Highlanders Regimental Museum gespendet hatten, hören werden, wie es wieder Musik macht.

Die Familie Hicks schenkte das Cello dem Museum vor einigen Jahren, nachdem es in ihrem Haus ausgestellt worden war.

“Als wir in Riverview lebten, sagte meine Frau Vivian, es wäre schön, einen dieser großen Bässe zu haben, den wir in einer Ecke unseres Hauses oder einem Vorderzimmer zeigen könnten. Die Frage war, wie wir einen bekommen würden”, sagte er. “Wir fingen an, herumzufragen und eines Tages bekamen wir einen Anruf von einer Frau aus Sackville, die sagte, sie dachte, sie hätte etwas, das wir gerne hätten.”

Hicks und seine Frau fuhren nach Sackville, um es abzuholen und etwas von der Geschichte des Cellos zu erfahren.

“Die Dame sagte,  dass es von einem deutschen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg gebaut worden war. Viele der Gefangenen waren Musiker und hatten keine eigenen Instrumente, also bauten sie sie”, berichtete er. “Es war viele Jahre auf ihrem Dachboden und wir haben es dann nach Moncton gebracht.”

Nachdem das Instrument mehrere Jahre in der Ecke ihres Riverview-Hauses gestanden hatte, rief Hicks das Museum an und sagte, dass es dort besser aufgehoben wäre als in seinem Haus.

“Als wir es hier runterbrachten, zeigte man uns Bilder von den Gefangenen hinter einem Zaun, die Musik für Menschen auf der Außenseite machten”, sagte Hicks. “Sie hatten die unterschiedlichsten  Arten von Instrumenten, egal was es war.”